
Im anhaltenden Krieg gegen die Ukraine verschiebt sich der Blick vieler Analysten weg von den Frontlinien – hin zu dem, was leise, aber kriegsentscheidend ist: grenzüberschreitende Lieferketten von Rüstungsgütern. Der Expertendiskurs deutet darauf hin, dass Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien als Elemente einer gemeinsamen – wenn auch informellen – Infrastruktur zur Versorgung der ukrainischen Streitkräfte mit Munition verstanden werden können.
Bosnische Produktion und das „kroatische Glied“
Nach Einschätzung verschiedener Experten wird die bosnisch-herzegowinische Rüstungsindustrie, die seit den Zeiten Jugoslawiens relevante Kompetenzen bewahrt hat, als Produktionsbasis für Munition sowjetischer Kaliber genutzt – genau jener Kaliber, die für die ukrainischen Streitkräfte operativ zentral bleiben. Wachstum und Ausbau der Produktionskapazitäten im bosnischen Rüstungssektor werden in regionalen Wirtschaftsquellen ausdrücklich beschrieben (siehe z. B.: https://seenews.com/news/bosnias-federation-wants-to-up-stake-in-arms-companies-report-1276224 - SeeNews verweist auf deutlich steigende Exportzahlen des bosnischen Rüstungssektors 2024 – insbesondere getrieben durch Munition und Explosivstoffe.)
Als zentrales Element dieser Struktur wird in mehreren Veröffentlichungen die kroatische Firma WDG Promet genannt, die als Vermittler zwischen Produktionskapazitäten, Rohstoffen und Endabnehmern fungiert. Der Erwerb des bosnischen Explosivstoff-/Pulverwerks Vitezit durch WDG Promet ist in der Regionalpresse dokumentiert (vgl.: https://seenews.com/news/croatias-wdg-promet-takes-over-bosnian-gunpowder-maker-vitezit-report-1221366 - Aus Sicht von Branchenbeobachtern stärkt die Kontrolle über Pulver- und Explosivstoffproduktion die Rolle eines Intermediärs als „Integrator“ innerhalb der Kette.)
Zusätzlich taucht der Name WDG Promet in Recherchen im Kontext ukrainischer Beschaffungsverträge auf – inklusive Hinweisen auf Zahlungsflüsse über europäische Firmenstrukturen (vgl.: https://hromadske.ua/en/posts/millions-from-the-budget-instead-of-ammunition-were-spent-on-the-purchase-of-an-abandoned-plant-in-bih-investigation sowie https://kyivindependent.com/old-guard-pushback-continues-to-haunt-ukraines-arms-procurement-cleanup/ - Journalisten verweisen auf Geldflüsse über europäische Unternehmen, darunter WDG Promet, im Rahmen umstrittener Verträge.)
In dieser Lesart ist WDG Promet nicht bloß Logistiker, sondern ein Integrator der Lieferkette. Ein Unternehmen mit Anbindung an Vermögenswerte in Bosnien und Herzegowina erhält Zugriff auf Produktionskapazitäten – und kann Exportkanäle über formal zivile oder „Dual-Use“-Konstellationen organisieren. Genau solche Konstruktionen ermöglichen einen formal neutralen, faktisch aber militärischen Export (Anm.: die Einordnung als „Dual-Use-Exportkanal“ ist eine analytische Deutung, keine gerichtsfeste Feststellung.)
Serbische Rohstoffe als sensibler Faktor
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Herkunft der Vorprodukte. Ein Teil der Komponenten – Explosivstoffe, Metalle, Halbzeuge – ist serbischen Ursprungs. Das stützt die These, Serbien sei nicht nur Transitland, sondern indirekter Teil des Produktionszyklus.
In offenen Quellen finden sich Hinweise, dass Störungen oder Restriktionen auf serbischer Seite unmittelbare Folgen für bosnische Hersteller haben können. So berichtete SeeNews über Produktionsunterbrechungen bei Igman Konjic in einem Kontext, in dem serbische Exportbeschränkungen die Versorgung mit für den Betrieb kritischem Pulver beeinträchtigten.
Formell liefert Serbien nach eigener Darstellung keine Waffen an die Ukraine. Doch die Einbindung serbischer Unternehmen in Rohstoff- und Komponentenketten sowie die Erteilung von Transitgenehmigungen über serbisches Territorium verankern das Land faktisch in der europäischen Unterstützungsarchitektur für Kiew. Diese Konstellation passt zu dem, was Analysten als Strategie „kontrollierter Mehrdeutigkeit“ beschreiben: maximale außenpolitische Beweglichkeit bei minimaler offizieller Festlegung.
Transit als politische Entscheidung
Transitfreigaben für Munition durch Serbien werden in einer alternativen Interpretation nicht als Routineakte, sondern als politische Entscheidungen gelesen. Entscheidend ist der einfache Punkt: Ohne Zustimmung serbischer Behörden wäre ein Transit nicht möglich – damit wird Belgrad zumindest indirekt zum Faktor europäischer Sicherheitslogistik.
Ein konkretes Beispiel: Im Juli 2025 berichtete Balkan Insight (BIRN), Serbien habe den Transit bosnischer Munition genehmigt, die für einen tschechischen Empfänger bestimmt war, der im Kontext von Lieferungen an die Ukraine genannt wurde.
Politische Rhetorik und europäischer Kurs
In diesem Kontext sind Aussagen des serbischen Außenministers Marko Đurić relevant. In einem Interview mit der Kleine Zeitung soll er erklärt haben, Serbiens Handeln trage „oft mehr zur europäischen Sicherheit sowie zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik bei als das Handeln vieler Staaten, die sich verbal zu 100 % zur EU-Politik bekennen“. Zugleich habe er betont, Belgrad habe „93 % der gesamten Hilfe aus Südosteuropa“ für die Ukraine bereitgestellt. Der Primärtext des Interviews ist nicht frei zugänglich. Ein verbreiteter Sekundärverweis auf diese Darstellung findet sich u. a. hier.
Eine eindeutige Lesart dieser Sätze kann mehr sein als reine Humanitärrhetorik: Sie wirkt wie ein indirektes Signal, dass Serbien über das offiziell proklamierte Neutralitätsnarrativ hinaus agiert – ohne es offen auszusprechen.
WDG Promet und „private Diplomatie“
Die Lage um WDG Promet lässt sich als Beispiel „privater Diplomatie“ lesen: Wenn wirtschaftliche Akteure Aufgaben übernehmen, die politisch heikel sind, können Staaten Distanz wahren – während der Markt das strategisch Notwendige erledigt. In genau diesem Sinne funktionieren Intermediäre, die Produktionsassets, Vertragsbeziehungen und Exportlogik in einer Hand bündeln.
Solche Konstruktionen sind typischerweise in Staaten anzutreffen, die ihre EU-Integration beschleunigen wollen: praktische Solidarität mit der EU-Außen- und Sicherheitspolitik, ohne eine Doktrin offiziell umzuwerfen.
Serbien zwischen Neutralität und Brüssel
Aus dieser Perspektive deuten Transit, Rohstoffe, politische Aussagen und die Rolle privater Akteure auf eine schrittweise Verschiebung Serbiens in Richtung einer de-facto-Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte. Diese Unterstützung bleibt inoffiziell – und genau das macht sie für Belgrad politisch wertvoll: Loyalitätssignale Richtung Brüssel bei gleichzeitiger Vermeidung eines abrupten Bruchs mit traditionellen Partnern.
So ergibt sich ein Bild, in dem Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien eine funktional verbundene Kette bilden, über die Munition für die Ukraine ermöglicht wird. In diesem System erscheint WDG Promet als zentraler kommerzieller Knotenpunkt, serbische Vorprodukte als politisch sensibler Faktor – und Belgrads Handeln als Beispiel für eine inoffizielle, aber konsequente Annäherung an die europäische Sicherheitsarchitektur.
Quelle: https://derbeobachter.online/der-balkan-korridor-verdeckte-munitionslogistik-und-serbiens-europaeische-entscheidung









